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Wert und Sinn der Familienforschung

Familien > Familienforschung

(Von F. E. Peschel, Rittmeister außer Dienst)

Als ich nach dem ersten Weltkriege, zurückgekehrt aus Ostafrika, mich eingehend mit der Erforschung meiner Familie im Mannesstamm und der eingeheirateten Familien beschäftigte, belachten manche Bekannte diese Arbeit mitleidig.  Sie nannten sie eine brotlose Kunst, die nichts einbringe.

Aber so brotlos ist diese Kunst nun denn doch nicht.  Ist es nicht ein köstlich Ding, um das Sein und Wirken seiner Vorfahren zu wissen?  Wer Familienforschung aus dem Grunde treibt, um mit einer langen Ahnenreihe zu protzen, wo nur Geburtstag, Hochzeitstag und Sterbetag verzeichnet ist, der soll getrost die Finger von dieser heiligen Sache lassen.  Der wirkliche Sinn und Wert der Familienforschung liegt darin, das Wesen, den Charakter, die Fähigkeiten, und auch die Fehler der Ahnen zu erforschen.

Warum ?  Zunächst ganz rein menschlich, ist es einem doch wissenswert, wie es um die Vorderen bestellt war  —  und dann ist dieses Wissen unendlich wertvoll bei der Erziehung der Kinder.  Kennt man das Wesen der Voreltern, so werden dem Erzieher des heranwachsenden Geschlechts mancherlei Winke von unschätzbarem Werte in die Hand gegeben.

Die Vererbungstheorie ist eine Wissenschaft, nicht eine Marotte der neuen Zeit.  Im Blute vererben sich beim Menschen wie beim Tiere gute und schlechte Eigenschaften, deren Auftreten der Erzieher bemerkt, wenn er die Geschichte seiner   Familie genau kennt.

So vererben sich z. B. Talente wie die der Musik und Malerei.  Ich darf hier nur an die Musikerfamilie der Bachs erinnern.  Warum lieferte England so sehr gute Wollstoffe?  Weil das Webergewerbe und damit die Kunst des Webens sich seit Jahrhunderten in ein und derselben Familie vererbte.  Gar mancher, der heute eine hohe Staatsstellung bekleidet, wird feststellen, dass seine Vorderen einst kleine Bauern oder Handwerker waren, die sich durch Fleiß und Tüchtigkeit empor arbeiteten.  Andere wieder, die heute in kleinen Verhältnissen ihr Dasein fristen, ersehen aus ihrer Familienforschung, dass ihre Vorfahren einst zu den angesehenen Staatsdienern zählten, dass die Familie aber durch eigene Untüchtigkeit, anderer Schuld oder durch Unglück von diesem Niveau herabstieg.

Wichtig ist es, nicht nur die eigene Familie im Mannesstamm, sondern auch die eingeheirateten Familien zu erforschen.  Das ist dann „Sippenforschung".  Es entsteht so ein buntes Gewebe, nicht aus menschlichen Fäden, sondern aus Fleisch  und Blut, das sich oft weit über die Grenzen der engeren Heimat verzweigt.  Jedes einzelne Mitglied dieser unendlichen Kette webte an diesem Gewebe mit und gab dem lebenden Geschlechte seine Eigenart.  Aus diesem Grunde ist es eine heilige Pflicht der „Heutigen", so zu leben, dass die Nachkommen nur gute Eigenschaften vererbt erhalten, denn wir sind für die Zukunft vor Gott und Menschen dafür verantwortlich!

Die heutigen und kommenden Eltern, die also das Wesen der Familie erforschen, können durch dieses Wissen ihre Kinder systematisch erziehen und leiten, d. h. wenn sich bei ihnen plötzlich Talente zeigen, die vielleicht einige Generationen hindurch schlummerten, so ist die Förderung dieser von hohem Werte für den späteren Menschen.  Aber auch schlechte Eigenschaften machen sich bemerkbar, und diese sind dann leicht zu unterdrücken, damit sie nicht zur vollen Entwicklung gelangen.  Hat man das große Glück, dass einem Bilder und Schriftstücke, wie Familienbücher und Testamente überkommen sind, so kann man sich hieraus ein Bild des Charakters und des Wesens der Vorfahren machen.

Testamente der alten Zeit sind nicht so rein sachlich, wie man sie heutzutage abfasst.  Sie enthalten oft eine kurze Lebensbeschreibung des Testators, in der durch allerlei Momente sein Charakter sichtbar wird.

Kennt man die alten Häuser, wo die Vorderen unter den gleichen Nöten und Freuden ihr Erdendasein lebten wie wir, so stehen wir mit Ehrfurcht vor diesen, wir sehen die im Geiste aus- und eingehen.

Hat man eine eingehende „Sippenforschung" getrieben, so wird diese zur Heimats-, zur vaterländischen Geschichte, denn die Vorderen waren ja an dieser beteiligt.  Erzählt der Vater in trauter Stunde Begebenheiten aus dem Leben der Vorfahren, so wird in den kleinen Herzen schon in frühster Zeit die Achtung vor der Vergangenheit und das Verbundensein mit der Familie wachgerufen.

Ich glaube, mit Recht behaupten zu dürfen, dass die Familien- und Sippenforschung, wenn sie in der skizzierten Art betrieben wird, einen hohen ethischen Wert besitzt.  Darum soll der verantwortungsbewusste Familienvater dafür sorgen, dass dieses kostbare, durch nichts zu ersetzende Gut erhalten und gefördert wird.

Die Familienforschung darf aber nicht zur Überheblichkeit führen.  Über ihr möge stets das Dichterwort stehen:


„Was du  ererbt  von  deinen  Vätern  hast,
erwirb es,  um  es  zu  besitzen!"


Aus: Afrikanischer Heimatkalender 1946



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